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Rosivita

Rosivita - NACHTBLAU

Es ist ja nicht so, daß wir in einem Meer aus Perlen ertrinken. Eher in einer Flut von Schutt. Und wir werfen einander keine Rettungsringe zu, die uns Auftrieb und Halt (im Sinn von: Anhaltspunkt, Rückhalt, aber auch Stoppzeichen) geben in diesem Maelström der Kulturprodukte, -Projekte, -Produktionen und -Projektionen. Im Gegenteil. Wir tragen unser Scherflein bei, als Medienpartner, als Meinungs-Vervielfältiger und Opinion Leader. Und gießen noch wässrigen, routiniert gefertigten Begeisterungsbrei in die ölig-trübe Suppe, die die Maschinerie bereithält und portionsweise ausspuckt für die nach Inhalten, Essenz, Nährwert Durstenden und Hungernden dieser Welt. Ringsum ein Verhungern mit dem Gefühl unbedingter Übersättigung.

Okay, lassen wir das. Hat ja keinen Sinn. Hohler Pathos. Müdes Kopfschütteln. Distinktionsgewinn läßt sich so nur bedingt erzeugen. Versuchen wir es ganz nüchtern: das Projekt, um das es hier und jetzt geht – ja, auch dieser Text ist 3P (pure Propaganda-Poesie) – versucht einiges. Und einiges anders. Anderes wiederum nicht. Und einiges auch nicht anders. Das Projekt, Unterkategorie Musik, heisst ROSIVITA. Und „Nachtblau“ die zugehörige Silberscheibe. „Nachtblau ist die Farbe meines Zorns“ das zugehörige Live-Programm. Nachtblau ist nicht schwarz, wohlgemerkt. Und erst recht nicht schwarzweiß. Dunkel, gewiß, doch funkelnd und voller Reflexe und Zwischentöne.

„Natürlich ist „Nachtblau" nicht aus dem Nichts geboren, sondern lädt geradezu zu Vergleichen ein. Man mag sich an die Wüstenrocker Giant Sand erinnert fühlen, an die düstere Triebtäter-Poesie eines Nick Cave, an Diseusen im Halbschatten verrauchter Bars wie Juliette Greco oder, zeitgenössischer, Leslie Woods. Die Sprache oszilliert zwischen Englisch und Deutsch und kostet das jeweilige Timbre in seinen artikulatorischen Facetten und Bedeutungs-Echoräumen aus. Die Musik zitiert extensiv aus No Wave, Surf und Outlaw-Country und bringt mit Wah-Wah-Pedal und langen Verzerrertönen die Architektur der Songs zum Beben. Letztlich aber bleibt sie doch ortlos, ungebunden, nomadisierend zwischen Orten und Epochen". (Thomas Miessgang)

Das kann man glauben. Oder auch nicht. Gibt es noch Musikkritiker, die ihren eigenen Ohren vertrauen? Tatsache ist, daß hinter ROSIVITA die Karlbauers stecken. Rosivita und Klaus Karlbauer. Kunstsinnigen notorisch bekannt als Duo, das sich zwischen den Genres Schauspiel, Film, Performance, Literatur, Pop und Multimedia herumtreibt und immer wieder Spuren hinterlässt. Nein, ich werde hier keine Abhandlung über das Oeuvre der Karlbauers auch nur anreissen. Und, nein, ich werde auch kein Namedropping betreiben, keine biographischen Stationen abstecken oder das Theorie- und Praxisgebäude der ewig jungen Kunst- & Kulturveteranen (und ich meine das nicht zynisch, im Gegenteil) behübschen. Googlen ist inzwischen eine gängige Kulturtechnik. Apropos: „Dürfen Über-40-Jährige noch im Pop-Business debütieren?“ fragte der ORF online. Das zeitigte einige Reaktionen, aber ein finales Statement war nicht darunter.

Von Jugendkultur kann schon lange nicht mehr die Rede sein. Und trotzdem trauen sich die Karlbauers einiges. Denn die allseits (also von Künstlern und Kritikern) forcierten Vergleiche mit Patti Smith und PJ Harvey, mit Juliette Greco und Leslie Woods – die legen die Latte schon hoch. Ziemlich hoch. Sich da drüber zu trauen oder forsch unten drunter, geradewegs hinein in die Manege der Referenzen, Querverweise und historischen Vorbilder, dazu gehört schon etwas. Brecht/Weill? Gegessen. Nick Cave? Geh’, bitte. Bill Frisell? Hol’s Balli. Hildegard Knef? Für uns soll’s rote Rosen regnen.

Hier wird nicht der Konsens gesucht, die müde Bewunderung, diesem oder jenem annähernd gleichzukommen, der Beweis, 15 Minuten (oder waren es Sekunden?) Weltberühmtheit im Warhol’schen Sinne einstreifen zu können und dann im Trophäenregal verstauben zu lassen. Definitiv nicht. Hier wird Reibung gesucht, ein Funkenknistern, eine selbstbewußte Konfrontation mit einem (schon altersmäßig) abgeklärten Publikum, Widerspruch, Argwohn, Aufregung (in jedem Sinn des Wortes), Trotz, Hader. Hader mit der Trägheit und Müdigkeit und Selbstzufriedenheit des Publikums, der Rezensenten, der Szene. Remember: „Nachtblau ist die Farbe meines Zorns“. „Im Prinzip trotzt man auf „Nachtblau“ allen Moden“, merkte ein Kritiker an. „Geschaffen haben Rosivita und Klaus Karlbauer zwölf Songs, in denen sich das Abgründige und das Leichtfüssige stets die Waage halten“. Na gut. Man muß diese zwölf Songs, oder auch nur eine Teilmenge davon, nicht mögen. Man muß sie nicht für die Neuerfindung des Rades halten. Man muß nicht nach Spurenelementen von Knef, Smith, Weill oder Cave forschen. Muß man nicht. Aber es wird einem schwer fallen, diese Dokumente autarken artistischen Aufbegeherens zu ignorieren um des Ignorieren willens. Dafür sind sie zu fordernd, zu eigen, zu wuchtig, zu stolz.

In die Welt der stromlinienförmigen Kulturprodukte und fliessbandmäßigen Konsumverarbeitung, deren ekelerregende Allgegenwart ganz zu Anfang skizziert wurde (lethargisch achselzuckend? ultrapessimistisch? zwangsneurotisch?), passt ROSIVITA sowieso nicht so richtig. Respekt für den Versuch, einen eigenen Weg zu gehen. Seit Jahren. Immer wieder mit neuen Ansätzen, Ausgangs- und Endpunkten, Ideen. Und jetzt mit einem Ziel (das eventuell auch nur eine Zwischenstation ist): Pop. Ohne den Beigeschmack von Plastik. Die Rettung des Rock’n’Roll aus der Unverbindlichkeit. Eine Neubelebung alter Formeln und Insignien. Folklore, eventuell. Peinlich? Genial? Ein Ritual. Ein eingeübter, routiniert inszenierter und bei Bedarf behend hervorgeholter heiliger Exzess. Feinsinniger Bombast. Eine Herzensangelegenheit. Eventuell auch ein nur eine Ersatzhandlung. Oder ein Placebo. „Same As It Ever Was?“ (Talking Heads). „It’s a Game“ (Bay City Rollers). „It’s Only Rock’n’Roll (But I Like It)“ (The Rolling Stones).

Die Entscheidung liegt ganz allein bei Ihnen. Nur Mut.


Das Album ist seit dem 24. März 2006 im Handel erhältlich.

Rosivita: (Gesang/ Lyrics)
Klaus Karlbauer (Komposition/ Keys)

Band:
JJ Smith - Gitarre
Stefan Fallmann - Bass
Mathias Koch - Schlagzeug
Alfred Reiter - Sound



Rosivita
aktuelles Album:
"Nachtblau"
Karlbauer Records/Hoanzl

VÖ Album: 24.03.2006

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